Form contra Funktion

Wenn Designer Fahrräder entwerfen sollen, kommt oft Vorhersehbares heraus. Viel Integration etwa und wenig Standardmaterial. Ein aktueller Wettbewerb in den USA liefert dafür ästhetisch ansprechende Beispiele.

Das Design-Motto „Form follows function“ gilt als weitgehend überholt, wenn es denn je Gültigkeit hatte. Sich eine Funktion denken zu können, ohne dabei eine Form vor dem geistigen Auge zu sehen, ist ein eher esoterisches Konzept – vielleicht einmal abgesehen von Funktionen wie „Beamen“. Beim Fahrrad sollte die Formgebung eigentlich einfach sein, denn seine Funktion ist jedem klar. Damit es sie erfüllen kann, müssen einige Merkmale vorliegen. Dazu gehört etwa eine möglichst optimale Kraftübertragung (Anpassbarkeit der Sitzposition, Schaltung), Stabilität (Material und Bauweise) und leichte Reparierbarkeit sowie die Kompatibilität mit vorhandenen Bauteilen (Montagestandards, Anbaumöglichkeiten von Taschen etc.).
Hier also scheint das Motto zu passen – die Funktion ist klar, also muss eine passende Form gesucht werden. Designer, so scheint es, gehen aber genau umgekehrt vor.
Die fünf von Bikerumor gezeigten Prototypen gefallen mit klaren Formen und pfiffigen Details wie der in den Vorbau integrierten Frontleuchte und dem Lenkerbügel, der zum Bügelschloss umfunktioniert werden kann. Doch dem Praktiker kommen immer wieder Zweifel: Wie lässt sich der Scheinwerfer verstellen? Und bekommt man bei einem Defekt wirklich Ersatz? Liegt das Lenkerschloss sicherheitsmäßig auf dem Niveau des schweren Bügelschlosses jener Firma aus dem Westerwald, an das sich kein Dieb heranwagt?

Hübsch ist auch der faltbare Gepäckträger, der sich in den Rahmen schieben lässt – mal sehen, ob wir da unsere Packtasche drankriegen. Und der weiße, symmetrisch geformte Rahmen ist besonders schön – doch kann die Sattelstütze weit genug eingeschoben beziehungsweise herausgezogen werden, damit der Hersteller mit vier oder fünf Rahmengrößen auskommt? Und welchen Dieb schreckt das dünne Kabelschloss ab, das aus dem Rahmen gezogen werden kann?
Es bleibt die enttäuschende Erkenntnis: Auch weiterhin wird das Standardfahrrad ziemlich gewöhnlich aussehen – dafür aber sehr funktionell sein. Also doch „Form follows function“.