Fahrrad des Monats: Die Welt in Farbe

Fahrrad des Monats: Die Welt in Farbe

Der Titel einer aktuellen Fotoausstellung kommt einem unweigerlich in den Sinn beim Betrachten unseres Fahrrades des Monats August. Denn Lack, Leder und Nickelglanz sind so, wie sie unsere Urgroßeltern gesehen haben könnten – ein völlig unrestauriertes Fahrrad in seiner ganzen Pracht. 

Wer mit Altertümern jeglicher Art zu tun hat, steht immer wieder vor folgender Entscheidung: Belässt er ein Artefakt im Originalzustand, um es so authentisch wie möglich zu erhalten, oder restauriert er es, um dem Betrachter einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es im Neuzustand ausgesehen haben mag?
Im Falle von Niko Böer stellte sich diese Frage allerdings nicht. Nachdem ihm ein Freund ein US-amerikanisches Damenrad mit Kardanantrieb aus dem Jahre 1902 geschenkt hatte, begann er sich für das Thema Fahrrad zu interessieren und machte sich auf die Suche nach einem passenden Herrenfahrrad. Fündig wurde er schließlich im Internet. Das Steyr Waffenrad (die Bezeichnung rührt daher, dass die Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert zur besseren Auslastung auch Fahrräder herstellte – Gewehrläufe zu Rahmenrohren statt Schwerter zu Pflugscharen, sozusagen), das Böer ersteigerte, befand sich an einem kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze. Der Verkäufer wollte es persönlich nach Hamburg bringen, was aber schwierig war angesichts der Tatsache, dass er weder Auto noch Führerschein besaß. Also machte sich Böer selbst auf den Weg – und staunte nicht schlecht, als er sah, was er da erworben hatte: kein fertig montiertes Fahrrad nämlich, sondern einen vollständigen Bausatz mit Komponenten, die zum Teil noch im Originalkarton schlummerten. Das aus dem Nachlass eines Fahrradhändlers stammende Waffenrad war nie aufgebaut, geschweige denn gefahren worden, so dass sich alle Teile praktisch im Neuzustand befanden.
Zu beachten sind die Holzgriffe, das riesenhafte Kettenblatt vorne sowie vor allem der anatomisch augeformte Ledersattel. Und natürlich die Farbigkeit und der Glanz der gesamten  Konstruktion. So also präsentierte sich ein hochfeines Sportrad unseren Urgroßeltern in jener fernen Zeit am Rande des Ersten Weltkrieges – eine Zeit, die wir sonst nur in Schwarzweiß kennen.