Fahrrad des Monats: Die radelnden Klempner von Fuhlsbüttel

Fahrrad des Monats: Die radelnden Klempner von Fuhlsbüttel

Dieses Lastenrad stammt aus einer Zeit, als Berufsradfahrer eher die Regel als die Ausnahme waren. Es mag eines von vielen sein und technisch nichts Besonderes – doch über den Wandel der Zeiten hat es viel zu erzählen.

Ein Handwerker, der mit dem Fahrrad kommt? Vor dem Zweiten Weltkrieg war das ganz normal, wie ein Blick in die Geschichte der Bauklempnerei August Sander aus Hamburg-Fuhlsbüttel zeigt. Um Werkzeuge und Material zu Baustellen und Kunden zu befördern, verließen sich Meister, Lehrling und Geselle auf Handwagen oder auf das Fahrrad – vor allem, wenn es schnell gehen musste. Wilfried Sander, der heutige Inhaber des Familienbetriebes, präsentiert einen Antrag auf „Belassung“ des firmeneigenen Lastenrades, den sein Großvater im Oktober 1945 stellte: Um der Beschlagnahmung durch die Besatzungstruppen zu entgehen, führte der Antragsteller eigens die „schnelle Behebung von Rohrbrüchen und Gasundichtigkeiten“ an. Das Rad blieb im Betrieb.

Auch in den 1950er-Jahren, als bereits ein schmucker Pritschenwagen die Arbeitswege erleichterte, spielten Fahrräder im Allgemeinen und das Lastenrad im Besonderen eine wichtige Rolle im Geschäftsbetrieb. „Zu diesem Zeitpunkt erhielten unsere Lehrlinge jeden Monat zusätzlich zu ihrem Lohn auch zehn D-Mark Fahrradbenutzungsgebühr, damit sie das Fahrrad für geschäftliche Zwecke nutzten“, erzählt Wilfried Sander. Die so fürs Radfahren gewonnenen Mitarbeiter hatten nach der dreieinhalbjährigen Lehrzeit genug Geld für ein eigenes Fahrrad zusammen.

Doch Anfang der Siebziger war es mit der betrieblichen Fahrradnutzung vorbei. Immer weniger Lehrlinge kamen mit dem Rad zur Arbeit, also wurde die Fahrradnutzungsprämie abgeschafft. Und das Lastenrad? Bis zu seinem Ruhestand 1972 fuhr es der extrem kurzsichtige Geselle Bruno Törber. „ Es wurde behauptet, dass er sich mit dem Fahrrad auf die Kreuzung zubewegte und dann horchte, ob ein Auto herannahte. Wenn kein Auto zu hören war, fuhr er über die Kreuzung“, berichtet Sander.

Heute wird der altehrwürdige Tret-Transporter nur noch für Fototermine aktiviert, und damit geht es ihm ähnlich wie Tausenden anderer Lastenräder, die mit hübsch beschrifteten Blechschildern am Rahmen an eine Zeit erinnern, da Berufsradfahrer eher die Regel als die Ausnahme waren. Vielleicht kommt diese Zeit irgendwann wieder.