Fahrrad des Monats: Aus einer anderen Zeit

Fahrrad des Monats: Aus einer anderen Zeit

Weltkrieg, Umzug, Alltag – was hat dieses Rad nicht alles erlebt! Mit seinen knapp 80 Jahren beweist es: Es gibt wohl kein anderes technisches Gerät, das dem Menschen so lange gute Dienste erweisen kann wie das Fahrrad.

Drei Kronen und elf Tränen: Stolz trägt unser Fahrrad des Monats Juni die Insignien der Stadt Köln vor sich her. Vor knapp 80 Jahren betrat eine junge Hamburgerin das Geschäft des dort ansässigen Radhändlers Lindlau auf der Suche nach einem soliden Alltagsrad. Was sie erwarb, war durchaus zeittypisch: Schwanenhalsrahmen, Rücktritt und Stempelbremse, mehr brauchte es damals nicht für Touren oder Alltagsfahrten. Für etwas Farbe mag am Hinterrad das Rocknetz gesorgt haben, das es freilich längst nicht mehr gibt. Ein schlichtes Rad, an dem höchstens die ungewöhnlich geformten Schutzbleche auffallen.
Später begleitete das Fahrrad seine Besitzerin zurück nach Hamburg, wo sie es bis in ihr 80. Lebensjahr gefahren ist. Ein kurzer Flirt mit einem VW Käfer Anfang der 1970er-Jahre konnte Stahlross und Reiterin nicht trennen – nach einem kleinen Rempler ließ sie das Kraftfahren lieber sein und radelte wieder. Auch das Rad muss den einen oder anderen Zusammenstoß erlebt haben – die Gabel etwa ist sichtlich nach hinten gebogen. Und ganz original erscheint es auch nicht mehr; so wurde irgendwann das Tretlager komplett ausgetauscht. Früher war wohl ein Glockenlager montiert, doch dafür Ersatzteile zu finden, war schon immer schwierig. 
Die Stadt Köln, wie sie unsere Hamburgerin als junge Frau gesehen hat, existiert nicht mehr. Könnte sie zurückkehren, würde sie nicht viel wiedererkennen – außer den Dom natürlich. Das Meiste hat der Bombenkrieg hinweggefegt, den Rest besorgte 20 Jahre später eine aufs Auto ausgerichtete Stadtplanung. Den Fahrradhändler Lindlau jedoch würde sie wiederfinden – das mittlerweile auch schon 110 Jahre alte Unternehmen ist inzwischen allerdings auf die andere Straßenseite gezogen.