Die Typologie der Wade

Die Typologie der Wade

Die Radfahrerinnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten sich einiges gefallen lassen – dass sie die gesellschaftliche Ordnung aufmischten, stieß dem einen oder anderen Herrn sauer auf. Immerhin verdanken wir dieser Velo-Misogynie so manchen obskur-erheiternden Zeitungsartikel – etwa jenen, den „The Atlantic“ ausgegraben hat.

Dass das Fahrrad im ausgehenden 19. Jahrhundert eine wahre Massenmobilisierung auslöste, ist allgemein bekannt – auch, dass dies gerade den weniger Privilegierten zugute kam. Der Radsport wurde zur bodenständigen und erschwinglichen Variante des Reitens und fand bald auch in der Arbeiterklasse viele Anhänger. Und was das Fahrrad für die Emanzipation der Frau bedeutete, lässt sich ohnehin kaum überschätzen. Aus eigener Kraft größere Strecken zurücklegen zu können  –  das bedeutete, (zumindest für den Moment) sozialen Beschränkungen und paternalistischer Daueraufsicht zu entkommen und vor allem ein Gefühl von Freiheit zu erleben, das viele Frauen auch im sonstigen Leben bald nicht mehr missen mochten. 
Ein Artikel auf der Homepage der Zeitschrift „The Atlantic“ gemahnt an einen untergeordneten Aspekt dieser Radfahrt in Richtung Freiheit – nämlich die Tatsache, dass auch die Kleiderordnung jener ultraspießigen Zeit ins Wanken geriet. Plötzlich sah man Frauen in Hosen – in weiten, unten zusammengefassten „türkischen Hosen“ (auf Englisch „Bloomers“ genannt), die je nach Länge – man stelle sich das vor! – mehr oder weniger viel von der Wade der Radlerin zeigten.
Das wurde natürlich keineswegs überall goutiert, die Radfahrerinnen jener Zeit werden sich vermutlich eine Menge Frechheiten angehört haben müssen. Irgendwo zwischen Soziologie und Sexismus liegt ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1897, dessen Autor sich an einer Typologie der Radlerinnen-Wade nach den örtlichen Gegebenheiten diverser US-amerikanischer Städte versucht. Was Beinform wie Beinkleid über die Topografie und Kultur der jeweiligen Stadt aussagen, ist mit knapp 120 Jahren Abstand nicht mehr ganz einfach nachzuvollziehen. Aber sei es auch moralisch fragwürdig, so ist es doch wenigstens etwas unterhaltsamer als die Radfahrer-Typologien der Gegenwart mit ihrer ewigen Wiederholung von „der Kampfradler“, „der Oberlehrer“, „der Liegeradler“ und wie sie alle heißen …

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