Bentham und der Fahrradhelm

Bentham und der Fahrradhelm

Was hat der Fahrradhelm mit Moralphilosophie zu tun? Und verletzte Verkehrsminister Dobrindt unlängst die Menschenwürde? Bei Deutschlandradio Kultur gibt man der Debatte um die Helmpflicht eine neue Dimension. Mit dem Rauchen hängt das Ganze auch irgendwie zusammen. 

Wer sich vor der Helmpflicht fürchtet, sucht gerne Gründe dafür, dass sie kontraproduktiv ist. Schon seit mehr als zehn Jahren kursiert Australien als Negativbeispiel: Seit dort 1991 der Fahrradhelm verpflichtend wurde, sei die Zahl der Radfahrer deutlich zurückgegangen, liest man immer wieder. Was einerseits dazu führt, wie man hört, dass die verbleibenden Radler gefährlicher leben. Und aus der Sicht der Bike-Befürworter gilt das insgesamt ein Rückschritt, hofft man doch, dass immer mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen. 

Diese schlüssig scheinende Argumentation macht sich die Fahrradlobby hierzulande seit jeher zu eigen. Kürzlich ist sogar ein weiteres Argument dazugekommen: Wenn weniger Rad gefahren wird, leidet die Volksgesundheit, heißt es, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Malaisen würden zunehmen. In Zeiten dauerhaft explodierender Gesundheitskosten will man das natürlich nicht; eine Helmpflicht, die das Radfahren unattraktiv machen könnte, ist also schon aus diesem Grund abzulehnen.

Das hat unlängst auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verlauten lassen. Offensichtlich fielen dabei die Worte „volkswirtschaftlicher Schaden“ beziehungsweise „Nutzen“. Ein utilitaristisches Rechenspiel, findet Svenja Flaßpöhler vom Deutschlandradio Kultur in einem Beitrag – und wer sich eines solchen bedient, „verdinglicht, entwürdigt das menschliche Leben“. Das hat der Minister sicher nicht gewollt, und der ADFC und all die anderen Helmpflichtgegner auch nicht – Jeremy Benthams „Maximum Happiness Principle“ anzuführen, wenn auch nicht bewusst, geht gar nicht. Der Minister hätte sich besser auf die Philosophie des Liberalismus berufen sollen, findet die Journalistin: Jeder muss selbst wissen, ob er ein gewisses Risiko in Kauf nehmen will und ohne Helm fährt. So ist es schließlich auch mit dem Rauchen – das will ja ebenfalls niemand ernsthaft vollends verbieten.
Stecken da auch wieder die Utilitaristen dahinter? Ab und zu munkelt man, Raucher würden Krankenversicherungen und Rentenkassen entlasten. Ein „volkswirtschaftlicher Nutzen“? Fragen über Fragen und damit ein ideales Sommerlochthema. Dazu passt auch das Bild, denn es stellt sich die Frage, wie viele Fehler es in sich birgt – sicher eine Frage der eigenen Grundhaltung, womit wir wieder am Anfang wären!

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